„Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet.“ Matthäus 5,11
Im Münster Sankt Jakobus begegnen uns in den Glasfenstern im Kirchenschiff die Werke der Barmherzigkeit. Dabei werden sieben leibliche und sieben geistige Werke betitelt. Jedem dieser Werke der Barmherzigkeit ist ein Heiliger oder eine Personengruppe zugeordnet, die das vorgestellte Werk der Barmherzigkeit veranschaulichen soll.
Die Bilder stammen aus der Kunstrichtung des Historismus (ca. 1850–1914), einer Kunst- und Stilrichtung, die vergangene Epochen wie Gotik, Renaissance oder Barock neu interpretiert. Das zweithinterste Glasfenster auf der linken Seite vom Haupteingang aus gesehen zeigt den Heiligen Sebastian.
Wer war der Heilige Sebastian?
Der Legende nach lebte der heilige Sebastian im 3 Jahrhundert in Rom. Er war ein römischer Soldat und lebte in der Zeit der großen Christenverfolgungen.
Sebastian verheimlichte seinen christlichen Glauben am Hof und nutzte seine hohe Stellung als Hauptmann, um Christen in den Gefängnissen Roms zu besuchen und sie im Glauben zu stärken. Er sorgte auch für die Bestattung derjenigen, die wegen ihres Glaubens an Jesus Christus zu Tode kamen.
Als der Kaiser erfuhr, dass der von ihm geschätzte Soldat ein Christ war und Glaubensgenossen half, verurteilte er ihn zum Tode. Er ließ Sebastian an einen Pfahl oder Baum binden und von Bogenschützen erschießen. Die Legende erzählt, dass die fromme Witwe Irene seine vermeintliche Leiche vom Pfahl holen und christlich bestatten wollte und dabei entdeckte, dass Sebastian überlebt hatte. Sie nahm ihn mit und pflegte seine Wunden.
Kaum erholt trat der tot Geglaubte dem Kaiser entgegen, um ihm die grausame Sinnlosigkeit seines Tuns vorzuhalten und ihn öffentlich wegen seines Vorgehens gegen die Christen anzuklagen. Daraufhin ließ ihn der Kaiser vor seinen Augen am Circus Maximus erschlagen.
Bildbetrachtung:
Wenn man das Bild genauer betrachtet kann man folgendes erkennen:
Die Bildszene illustriert das geistige Werk der Barmherzigkeit "Beleidigungen verzeihen" anhand der Legende um den Heiligen Sebastian.
Im Zentrum des Bildes ist zu sehen, wie Sebastian an einen Baum gebunden ist und von Pfeilen durchbohrt wurde. Er wird traditionell als junger Mann mit Heiligenschein dargestellt. Trotz der Qualen wirkt sein Gesichtsausdruck friedlich und ergeben, was seine Bereitschaft zur Vergebung symbolisiert. Rechts und links von Sebastian sind Bogenschützen. Sie stellen die Peiniger dar. Interessanterweise tragen sie Kleidung, die eher an das späte Mittelalter oder die Renaissance erinnert, was typisch für die Glasmalerei des Historismus im frühen 20. Jahrhunderts ist, um die Szene für den damaligen Betrachter der Entstehungszeit der Glasfenster greifbarer zu machen. Im Bild ist ein starker Kontrast zu sehen: Während (fast) alle Bogenschützen aktiv Gewalt ausüben (Beleidigung/Angriff), bleibt die zentrale Figur passiv und standhaft im Glauben (Verzeihung).
Auch bei den Bogenschützen kann man bei einer genauen Betrachtung unterschiedliche Körperhaltungen erkennen.
In der Glasmalerei des Historismus wollte man weg von rein "flachen" Figuren hin zu charakterlicher Tiefe:
Der Schütze ganz links oben wirkt noch konzentriert auf die Waffe. Der Schütze rechts wirkt fast schon mechanisch in seiner Pflicht. Der Schütze im roten Gewand links unten bildet dazu einen emotionalen Kontrapunkt. Sein gesenkter Kopf bricht die Aggression der Szene und lenkt die Aufmerksamkeit des Betrachters auf die emotionale Last der Tat. Während die anderen Figuren oft mit Konzentration oder Gleichgültigkeit dargestellt werden, symbolisiert der Blick nach unten bei diesem Bogenschützen Scham. Er erkennt in diesem Moment die Unschuld des Opfers oder die Grausamkeit seiner Tat. Es ist ein klassisches Motiv, um zu zeigen, dass selbst unter den Peinigern eine moralische Regung stattfinden kann. Dies passt perfekt zum Thema des Fensters: Verzeihung. Verzeihung setzt auf der Gegenseite oft Einsicht voraus.
Zum Kunststil
Das Fenster selbst ist im typisch neugotischen Stil gefertigt. Die kräftigen Farben (besonders das tiefe Blau und Rot) sowie die detaillierten Schattierungen in den Gesichtern sind charakteristisch für deutsche Glasmalerei-Werkstätten des späten 19. Jahrhunderts. Die Kirchenfenster wurden 1907 von der Firma Merzweiler-Jennes in Freiburg angefertigt.
Die Kernaussage
Das Bild ist ein Appell zur Barmherzigkeit. Es nutzt die grausamen Umstände des Martyriums, um zu zeigen, dass Vergebung selbst im Angesicht größter Ungerechtigkeit und körperlichen Leids möglich und erstrebenswert ist.
Der Heilige Sebastian und sein Martyrium aus heutiger Sicht
Seine Darstellung als verwundeter Mann mit Pfeilen kann als Metapher für Ausgrenzung und Krankheit, wie die in den 1980-ger Jahren auftretende HIV-Aids-Epidemie, interpretiert werden.
In den 1980er-Jahren wurde der Heilige Sebastian deshalb aufgrund der Aids-Krise zu einer Ikone der queeren Community. Seine Darstellung wurde zu einem Symbol für die Diskriminierung und die Ausgrenzung, die schwule Männer in dieser Zeit erlebten.
In der queeren Gemeinschaft („Queere“ - eine Sammelbezeichnung für sexuelle Orientierungen, die nicht heterosexuell sind) steht Sebastian für die Überwindung von Schwierigkeiten und den Kampf gegen Vorurteile.
Sebastian als Schutzpatron
Der Heilige Sebastian ist der Schutzpatron für eine Vielzahl von Berufsgruppen, darunter Soldaten, Schützen, Polizisten und Handwerker wie Gerber, Töpfer und Bürstenbinder. Er gilt auch als Schutzpatron der Sportler, insbesondere der Bogenschützen, und ist ein wichtiges Symbol gegen Seuchen wie die Pest. Heute wird er auch als Schutzpatron der queeren Community anerkannt.